Übersetzung Prosa

Geir Kristjánsson [IS]: Der Krieg gegen die Menschheit

Der abgezehrte Mann mit der Vogelnase ging zwischen den Schaufenstern einher und spiegelte sich. Er war so bereits einen ganzen Monat auf- und abgegangen, immer durch dieselben Straßen, ohne Ziel und Zweck. Es war Juli und man hatte die Türen der Restaurants aus den Angeln gehoben, damit die Leute leichter hineinkämen. Tische und Korbstühle standen auf dem Gehweg und die Hunde hechelten kurzatmig in der Sonne wegen der Hitze. Manchmal kamen trockene Windböen auf, die nach den Leinenröcken der Frauen schnappten und Staub und Papierabfälle in einem sinnlosen Reigen umherscheuchten. Zwischendurch wurde alles vollkommen still.

Er lächelte und nickte seinem Spiegelbild im Schaufenster zu, neigte den Kopf ein kleines Stück zur Seite, damit er auch sein Profil sehen konnte und ging einige Schritte zurück, als ob er ein Kunstwerk betrachtete. Wenn er von einem Fenster genug hatte, ging er zum nächsten.

So verstrich der Tag  und das Licht der Sonne wurde rot und versengte den Nacken nicht mehr. Da wusste er, dass es Abend war und er schlüpfte in eine Nebenstraße, um die Kirchenuhr zu betrachten. Er stromerte noch lange umher, nachdem es dunkel geworden war, denn er hatte Angst, nach Hause zu gehen und sich schlafen zu legen, Angst, die klapprige Pritsche und die Stühle mit jenem zerschlissenen, blumengemusterten Bezug wiederzusehen, den er bis in die letzte Faser kannte, Angst, die Uhr auf der anderen Seite der Bretterwand schlagen zu hören und schlaflos zu bleiben. Er zählte die Platten auf dem Gehweg, zählte die Schritte, die er brauchte, um eine bestimmte Straße abzugehen, zählte die Fenster an den Häusern und als er nach Hause gekommen war, zählte er die Stufen der Treppe. Es waren 79 und er hatte sie bereits oft gezählt.

Manchmal hörte er jemanden draußen in der Finsternis seinen Namen flüstern und der Boden knarzte, als ob jemand darüber ginge und innehielt, als er dort mit der Decke über dem Kopf im Bett lag. Irgendwer beugte sich über ihn und drang in ihn wie Strom und als er verzweifelte Versuche unternahm, sich zu bekreuzigen und ein Vaterunser zu beten, bemerkte er voller Grauen, dass er sich nicht erinnerte, ob man die Hand zuerst auf die Stirn oder die Brust legen sollte oder was nach „Vater unser, der du bist im Himmel“ kam. Manchmal schaltete er das Licht nicht vor dem Morgengrauen aus und er hörte die Uhr auf der anderen Seite der Bretterwand vier schlagen. Dann war gegenüber dem alten ein neuer Tag heraufgedämmert wie ein leeres Schaufenster, das sich in einem anderen leeren Schaufenster spiegelt und er musste sich zwingen, in die Kleider zu schlüpfen.

Eigentlich war es nichts Besonderes, das zuerst seinen Argwohn geweckt hatte. Er merkte allerdings, dass seine Bekannten begonnen hatten, ihn zu meiden und andere Leute, ihn zu schubsen und mit dem Ellenbogen zu stoßen, als er vor den Schaufenstern stehenblieb. Und dann entdeckte er plötzlich, dass die Leute ihn anstarrten und ihn mit den Augen einkreisten, als ob sie ihm den Weg abschneiden wollten.

Erst jetzt begann er, unruhig zu werden und sich zu fragen, was hier vor sich ginge. Soweit er wusste, hatte er sich keiner Ungebührlichkeit schuldig gemacht oder irgendeinem von ihnen ein Unrecht getan, sodass diese Aversion schlicht auf einem Missverständnis beruhen musste, sie ihn für jemanden hielten, der er nicht war.

Vielleicht, so dachte er, lag es daran, dass sein Haar kurzgeschoren war; dass sie ihn für einen Verbrecher hielten, einen Häftling auf der Flucht oder einen ehemaligen Zuchthäusler und er entschied sich, einen Hut zu tragen, solange sein Haar noch wuchs.

Ein fratzenziehender Verkäufer wählte einen Hut für ihn, musterte ihn mit lebhaften, rostbraunen Augen wie ein Fabeltier, klatschte in die Hände und sagte: „Elegant!“ Es war ein grüner Hut mit drei bunten Federn, die links aus dem Hutband stakten, und der Verkäufer, der von sich in der Mehrzahl redete, sagte, dass „wir“ diesen Hut, mit Verlaub, vorbehaltlos empfehlen können. Seine rostbraunen Augen flatterten unentwegt im Raum umher und sein Lächeln war das Lächeln der Werbeplakate. Wenn man zu lange darauf schaute, wurde einem kalt, als ob man selbst zu einer Art Plakat mit Farbtupfern wurde. Zum Schluss knickte er die Hutkrone mit der flachen Hand ein und meinte, dass so eine Falte die neuste Mode in New York sei. Sie machten umsonst einen Knick in alle Hüte, die hier gekauft würden, sagte er, das sei eine Art Bonus.

Nicht ehe er mit dem papiereingeschlagenen Hut unter dem Arm wieder auf die Straße stieg, kam ihm der Gedanke, dass die Feindseligkeit der Leute gar nicht von seinem geschorenen Kopf herrühren mochte. Dass er kurzgeschoren war, konnte beispielsweise keineswegs der Grund sein, dass ihm seine Freunde aus dem Weg gingen, ihn gleichsam nur mit den Fingerkuppen grüßten und immerzu in andere Dinge vertieft schienen, wenn er sie besuchte.

Lange wanderte er mit dem Hut unter dem Arm umher, bevor er es wagte, ihn aufzusetzen und zu sehen, welche Wirkung das auf die Leute hätte.

Letzten Endes zeigte sich, dass es nicht an seiner Kurzgeschorenheit lag und doch hatte er langsam genug davon, die Leute liebenswürdig anzugrinsen, so gut er konnte. Die gleiche, stechende Sonne brütete auf den Gehwegen und Hauswänden und die Hunde hechelten wie zuvor.

Andererseits schien der Hass und die Feindseligkeit um ihn herum noch mal um die Hälfte gewachsen zu sein, als ob die Leute sich immer weniger im Zaum halten könnten und die Ellenbogenstöße und Schubser trafen ihn nicht mehr bloß unter dem Vorwand der Eile oder vielleicht hatte sich einfach seine Aufmerksamkeit geschärft.

Hier ging es offensichtlich nicht mehr um Missverständnisse oder darum, dass man ihn verwechselte. Doch die Ursache jener Feindseligkeit war immer noch genauso geheimnisvoll und unverständlich. Gab es etwa eine Person oder eine Gruppe von Leuten, die ihn verleumdeten und seinen Ruf zerstörten oder waren es die Leute selbst, die ihn rein instinktmäßig hassten, nur weil er über sie erhaben war und sie an geistigen Fertigkeiten und Bildung überragte?

Im Nachhinein fand er es verwunderlich, dass ihm eine so offensichtliche Tatsache nicht früher aufgegangen war: Die Leute beneideten ihn um seine Begabung und schmiedeten deshalb Ränke gegen ihn.

Er schob das auf seine Bescheidenheit und die altbekannten Minderwertigkeitsgefühle, doch er würde nun behutsamer als zuvor auftreten und er entfernte sich nie weit von seiner Wohnung. Er ging nicht mehr auswärts essen und kaufte pasteurisierte Milch und Eingemachtes und aß in seinem Zimmer. Auf der anderen Seite der Straße war ein Garten mit Ententeich und Bänken darum und auf einem Hügel über dem Garten stand ein gemauerter Turm aus dem Mittelalter. Während eines Spaziergangs hinauf zum Turm versuchten sie zum ersten Mal, ihn umzubringen. Ein Mauerstein sollte ihm auf den Kopf fallen, doch er verfehlte ihn um zwei Meter und zersplitterte dort auf einer Bodenplatte. Auch an diesem Tag schien die Sonne und es hatte einen Monat lang nicht geregnet und dann kaufte er sich das Messer.

Er wusste, dass sie um das Haus strichen und er hielt sich drinnen.

Immer schien die Sonne und er lebte von Wasser und dem, was er noch an Eingemachtem besaß. Dann aber wollte er nichts mehr essen und verbrachte Tage und manchmal auch Nächte damit, das Messer an den Wänden zu wetzen. Es gab dort eine Steinwand und an einer Stelle war der Anstrich von der Mauer geblättert. Es war ein Fleck in der Form Nordamerikas und eines Morgens hatte er die Florida-Halbinsel mit der Klinge in den Stein geritzt, damit die Ähnlichkeit deutlicher würde.

Ansonsten stand er verborgen bei den Gardinen und folgte dem Treiben der Spione dort unten auf der Straße. Im Geist lachte er sie aus, denn er wusste, dass sie nicht wussten, dass er sie beobachtete und weil sie so taten, als seien sie clever, indem sie rein zufällig dort vorbeigingen. Jener Spion, der von 8 bis 10 Uhr morgens auf dem Posten war, saß auf einer Bank am Teich unten im Garten. Er hatte Brotkrusten in einer Papiertüte bei sich und tat so, als füttere er die Enten, während er unverwandt zur Eingangstür des Hauses herüberstarrte. Es war ein kleiner Mann mit grauem Schnurrbart, immer in einem schwarzen Mantel, denn es gab verschiedenste Leute, die sie ausgewählt hatten, um ihn auszuspionieren und einer ihrer Kniffe bestand darin, die allerunscheinbarsten dafür zu nehmen. Er hatte sie einige Tage aus seinem Versteck beobachtet und darauf gewartet, dass etwas passierte, dass sie zum Angriff bliesen und diese untätige Belagerung auflösten, aber als ihm langsam der Verdacht kam, dass sie nichts anderes im Sinn hatten, als ihn drinnen verhungern zu lassen, entschloss er sich, ihnen zuvorzukommen.

Es geschah nach der ersten Regennacht nach vielen Wochen, als die Straßen so sauber und die Morgenluft so klar war, als wäre es Sonntag.

Der Spion, der zur Tarnung die Enten füttern sollte, kam eben zur selben Zeit wie immer. Doch als er den, den er ausspionieren sollte, dort auf der Bank sitzen sah, wo er selbst normalerweise saß, schienen zwei Masken von ihm abzufallen, der Schnurrbart hob sich ein bisschen und er nahm einen unentschlossenen Schritt zur Seite, bevor er stehenblieb und sie sich in die Augen blickten.

Es war alles viel einfacher gewesen, als er gedacht hätte und er nahm sich sogar die Zeit, die Brotkrusten aufzulesen und sie in den Teich zu werfen. Er hatte außerdem schon das Messer im Gras abgewischt, als er ein lautes, wechselhaftes Getön unten aus der Stadt hörte, wie wenn die Feuerwehr unterwegs ist und er hielt nach brennenden Häusern Ausschau.

Als er erwachte, saß er an einem langen Tisch mit mehreren Männern. Sie hatten alle blaugestreifte Leinenkleider an und rasselten mit Löffeln in Blechdosen. Der ihm gegenübersaß bewegte den Mund und die Lippen ununterbrochen wie in einem langen Zwiegespräch. Doch er hörte nicht, was er sagte, denn zwischen ihnen war etwas wie eine Glasscheibe und als er sich in den Arm kniff, um wachzuwerden, merkte er, dass er nichts fand.

Da begriff er, dass er tot war und dass sie alle tot waren, aber der Mann am Fenster wusste es nicht und redete weiter.


Geir Kristjánsson (1923-1991) ist in Island vor allem als Übersetzer aus dem Russischen bekannt (was man dieser Geschichte anzumerken versucht ist, wie ich finde); so übersetzte er beispielsweise die Gedichte Majakowskis ins Isländische. Nach dem Studium der Slawistik in Uppsala und anschließenden Studienaufenthalten in England und Frankreich kehrte er nach Reykjavík zurück, wo er schrieb, übersetzte und eine Zeitung herausgab. Der Krieg gegen die Menschheit (Stríðið við mannkynið) erschien zuerst in der Kurzgeschichtensammlung Stofnunin (Das Institut; 1956).

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