Rezension

Wilhelm Schmid: Unglücklich sein. Glücksratgeber im Schwarzpelz

Wilhelm Schmids 2012 erschienenes Essay Unglücklich sein geriert sich als Plädoyer für die Anerkennung der negativen Seiten des Lebens und gegen eine vermeintliche „Glücksdiktatur“ in der heutigen Gesellschaft. Im Grunde ist es aber nur ein weiterer Glücksratgeber, der das Unglück als solches unter keinen Umständen gelten lassen will und es wie alle Glücksratgeber lieber zu Chance und Prüfstein umdeutet.

Schmids These ist so simpel wie unoriginell: Die selbstoptimiererische Gegenwart sei in einer Unglücksvergessenheit befangen, in der das Recht auf das Streben nach Glück zu einem Imperativ geworden ist, einer „drohende[n] Diktatur des Glücks“ (S. 8) oder gar „Glückshysterie“ (S. 9). Das vertrage sich natürlich nicht mit der Realität. Ebenso platt wie Schmids Grundthese wird die Polarität von Glück und Unglück herbeizitiert: „Aber jedem Wohlsein entspricht ein Unwohlsein, jeder Annehmlichkeit eine Unannehmlichkeit, jedem Glücklichsein ein Unglücklichsein“ (S. 23). Glück gibt es nicht ohne Schmerz, also sollte man lernen, mit dem Schmerz umzugehen. Aus den Binsenweisheiten in diesem Buch habe ich mir einen Stuhl geflochten. Leider ist der beim ersten Draufsetzen zusammengebrochen.

Warum so gallig? Immerhin sollte der Untertitel „Eine Ermutigung“ doch skeptisch machen, was die Intention des Buchs angeht. Dessen Seichte stieße auch nicht so bitter auf, wenn sie nicht im Habitus der Tiefsinnigkeit daherkäme. Schmids Hauptkniff, die Unbilden des Lebens zu verkraften, besteht darin, statt Glück lieber Sinn zu suchen. Denn auch sinnvergessen sind wir modernen Siebköpfe: „Glück ist wichtig, aber wichtiger ist Sinn“ (S. 10). Unter Sinn versteht er die Möglichkeit, schlechte Erfahrungen positiv deuten zu können (besser: zu sollen): „Sicher ist nur, dass sich ein Geschehen als Schicksal deuten lässt, auch wenn es blanker Zufall sein sollte“ (S. 20). Oder: „Änderbar ist jedoch die Deutung von Schmerzen: […] Woher wüsste ich, was Lust ist, wenn ich keinen Schmerz kennen würde?“ (S. 31). So heftig er also den Hedonismus geißelt, so unbedarft vertritt er einen Telismus, ohne zu erkennen, dass beide nur Spielarten desselben Denkzwangs zum Positiven sind. Man darf ja schon a bisserl melancholieren, solange das Ganze nicht in aufrichtige Selbstmordgedanken (Kap. 7; warum mit dem Strick liebäugeln, wenn man auch einen wehmütigen Herbstspaziergang machen oder Blumen gießen kann?) oder gar Unproduktivität ausartet.

Hanebüchen und geradezu perfide wird Schmids Ratgeber für glückliches Unglücklichsein nämlich, wenn er durch die Hintertür wieder zur protestantischen Tüchtigkeit ermutigt: „Es ist nicht schlimm, auch mal zufrieden zu sein, aber die Kunst besteht darin, es nicht zu übertreiben, denn der Versuch, in der Entspanntheit zu verharren, wird zum Problem: Zu Veränderungen und Verbesserungen hat dieser Zustand noch nie geführt, ganz im Gegenteil: Zufriedenheit und Selbstzufriedenheit legen alle Entwicklung lahm“ (S. 36). Wachstum und Fortschritt sind selbstevident gut. Das unablässige Streben nach Glück, Verzeihung, Sinn gewährleistet schließlich ein formidables BIP, das sich im Gegensatz zu schwammigen Glücks-Indizes noch in harter Währung messen lässt. Solche Elogen auf die Arbeit (vgl. auch S. 78) sind starker Tobak für jemanden, der sich nicht mal die Mühe macht, ein Pascal-Zitat richtig zu googeln.

Ich könnte mich noch seitenlang über diese Zumutung von Essay ereifern. Ich könnte die haarsträubende Selbstzufriedenheit anprangern, mit der Schmid Querbezüge zwischen Glücksimperativ und Nationalsozialismus dekuvriert: „Es ist merkwürdig, dass niemandem der Bezug [des Positivdenkens] zur totalitären Geschichte des 20. Jahrhunderts auffällt, der aber naheliegt: Menschen in eine positive Gestimmtheit zu versetzen, war auch das Anliegen des nationalsozialistischen Programms ‚Kraft durch Freude‘“ (S. 44). Ich könnte mich über die Verbohrtheit aufregen, mit der er einerseits die altbewährte „Natur“ als Sinnquelle anzapft (S. 80), ein paar Seiten später aber mit vollem Recht auf deren hundsprekäre Stellung im Anthropozän verweist. Ich könnte mein Befremden angesichts des Gefasels von der „Seele“ als „Raum, in dem die Energien wohnen“ (S. 78) und der Wendung ins Transzendentalmelancholische am Ende des Buchs ausdrücken, wo geradezu ein schwarz umweihräucherter Chiliasmus zelebriert wird: „Die kommende Zeit der Melancholie kann daher auch zu einer Zeit neuer Freiheit werden“ (S. 90).

Stattdessen möchte ich mit einem Seitenblick auf meinen zerbrochenen Stuhl lieber das Hauptproblem von Schmids Argumentation zusammenfassen: Er sieht zwar, dass es problematisch ist, Glück von Schmerz trennen zu wollen; an der Polarität von Glück und Schmerz als solcher sieht er allerdings nichts Problematisches. Für ihn steht immer schon fest, dass das Leben so, wie es ist, auch sinnvoll ist. „Whatever is, is right.“ Man muss schließlich leben. Das Unglück auch im Leiden an der Ablehnung dieser Polarität, diesem ewigen, sinnlosen Kreislauf bestehen könnte, versteht er nicht. Dementsprechend rahmt das Buch die Lieblingsportalfigur aller phantasielosen Lebensapologeten seit Camus: Sisyphos. Als Sisyphosist eröffnet Schmid sein Essay mit der Erklärung, dass ein „heroisches Leben“ im Aushalten des Unglücks (S. 13) bestehe und schließt mit derselben, abgeschmackten Allegorie (S. 99).

Wer mal zu Teleofenac statt zu Hedonofenac greifen möchte, um seine Weltschmerzwehwehchen einzusalben, darf hier getrost zugreifen. Ansonsten sollte man sich lieber weiter in Horstmann oder Cioran suhlen.

Ein Gedanke zu „Wilhelm Schmid: Unglücklich sein. Glücksratgeber im Schwarzpelz“

  1. Eine sehr schöne Besprechung, die die Probleme Schmids sehr genau aufzeigt. Man sollte die Finger von solchen Büchern auch im Unglück lassen. Wenn man vorher noch nicht unglücklich war, ist man es nach der Lektüre dieses Buches garantiert!.

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