Rezension

Christopher Ecker: Überlieferungen. Postmodernes Vexierspiel in Fragmentformat

Das Wort „Überlieferung“ kann sich, so lernt man nach einer kurzen Wikikonsultierung (oder einer Konsultierung des eigenen Verstandes, wenn man noch nicht so hirnfaul wie unterzeichneter Millenial ist), auf zwei Dinge beziehen: In den meisten Fällen bezieht es sich auf Inhalte, die überliefert werden, Wissen, Bräuche, Regeln etc. In selteneren Fällen kann es aber auch den Akt der Weitergabe dieser Inhalte selbst meinen und genau diesen Akt und dessen scheinbaren Sekundärcharakter betont Christopher Eckers im Dezember 2020 erschienener Band Überlieferungen.

Sprich: Es geht weniger um Inhalte und Wissen, als vielmehr um deren Vermittlung, die Frage, welche Rolle die Umstände (u. a. auch das Medium oder die Beteiligten) bei der Weitergabe von Inhalten spielen. Gegliedert ist der Band in fünf Teile mit kryptischen Titeln wie „Das Singbare“ oder „Das kaum Sagbare“; die ersten vier Teile bestehen aus jeweils sieben Textfragmenten, der letzte Teil („Das letzte Bruchstück“) nur aus einem. Jedes dieser kurzen, poetischen Fragmente nimmt nur einen kleinen Teil der gesamten Seite ein:

Auf diese Weise wird schon rein grafisch die Bedeutung der Leere als Bedingung der Schrift deutlich: Ohne Kontext kein Text, ohne Unterliegendes kein Hervorgehobenes, ohne (materiellen) Überlieferer kein Überliefertes. Der bewusst kalkulierte Leerraum der hochwertigen Seiten oder Details wie das milchige Deckblatt (s. erstes Foto), das eine bereits „verdorbene“ Titelseite mit abgebrochenen Titelzügen darunter trübt, unterstützen den Fokus auf die Fragwürdigkeit von Inhalten und die Medialität der „Überlieferungen“, in diesem Fall also: das Medium Buch. Was man auch über den Inhalt denken mag: Es ist ein wunderschönes kleines Gesamtkunstwerk, das Ecker und der Indieverlag stirnholz hier geschaffen haben.

Nun aber zum Inhalt, der ja, wie wir festgestellt haben, die Form ist, bzw. die Dualität von Inhalt und Form, bzw. die Abhängigkeit des Inhalts von der Form, bzw. … ja. Es ist kompliziert. Die Fragmente selbst sind manchmal vollständige Gedichte (Fragment 2.4), manchmal bloße Halbsätze (Fr. 1.7): „Weiter in einer Kutsche (?) aus Blut.“ Das Fragezeichen hier ist nicht meiner eigenen Kurzsichtigkeit geschuldet, sondern steht so im Text. Zwischen Text und Leser offenbart sich hier eine fiktive Zwischeninstanz, ein „Philologe“, der dem realen Leser fingierte (?) Fragmente, die er sozusagen gefunden zu haben vorgibt, überliefert – mitsamt Unsicherheiten und Auslassungen („Lakunen“ im „Urtext“). Was die Fragmente aussagen, ist zweitrangig und ohnehin zweifelhaft. Wichtiger ist ihr Zusammenspiel in der Ordnung des Gesamttextes: So besteht beispielsweise eine inhaltliche Verbindung zwischen allen Fünfer-Fragmenten (1.5, 2.5, 3.5 und 4.5): Sie weisen ähnliche Formeln auf und beziehen sich explizit auf das Verhältnis von Wahrheit und Lüge, Ich und Welt, Urbild und Abbild. Nimmt man dann noch das traditionsreiche Genre des Fragments als Kunstform (enorm wichtig bspw. in der Romantik) und die „veritablen“ Anspielungen im Text hinzu, steht man vor einem komplexen Vexierspiel postmoderner Metapoetizität und Authentizitätsskepsis.

Zwei Beispiele für solche Anspielungen: In Fragment 2.7 heißt es „Freunde, bedenkt“, das nach kurzem Googeln zu Schillers Epigramm „Gefährliche Nachfolge“ führt: „Freunde, bedenket euch wohl, die tiefere kühnere Wahrheit / Laut zu sagen: sogleich stellt man sie euch auf den Kopf.“ Fragment 4.7 ist der Halbsatz „(…) im Zustand der Gnade“, was sich zu Hermann Hesses Diktum „Kunst ist Betrachtung der Welt im Zustand der Gnade“ ergänzen lässt. Wieder führen diese Spuren also in die Fragwürdigkeit, zu Infragestellungen von Wahrhaftigkeit und im Gegenteil Hervorhebungen von Künstlichkeit.

Es macht Spaß, solche Verborgenheiten zu entdecken oder sich in den poetischen Geheimnissen der Fragmente (mein Favorit: Fr. 4.2) zu verfangen, sie im Kopf zu Geschichten und ganzen Welten zu ergänzen, besonders, wenn sie so ansprechend wie hier präsentiert, überliefert werden. Wer sich auf solche postmodernen Verweisspiele und romantischen Verreisspiele einlassen kann, sei hiermit wärmstens auf diese faszinierende Neuerscheinung aufmerksam gemacht.

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