Übersetzung Prosa

Gerður Kristný [IS]: Kein Engel [Auszug]

Die namenlose Erzählerin dieser Kurzgeschichte von Gerður Kristný hat gerade ihren Bachelor in Dänisch gemacht. Leider muss sie feststellen, dass Dänischkenntnisse nicht gerade zu den gefragtesten Fertigkeiten des isländischen Arbeitsmarktes Mitte der 90er gehören. Ihre Tage verbringt sie mit fruchtlosen Bewerbungen und dem Durchblättern ausländischer Kontaktanzeigen, wie jener des „amerikanischen Businessmoguls Arnold Stock aus Pensacola“, der eine „blonde und blauäugige Frau mit Interesse an Segeln und Filmen“ sucht. Eines Morgens schickt ihre Mutter, die eine Cateringfirma besitzt, sie zu einer Kundin, um Details einer Bestellung zu klären. Auf dem Weg läuft die Erzählerin durch feuchten Beton, schnauzt die Betongießer an und wird von diesen ins Gesicht geschlagen. Mit anbetonierten Schuhen und einem geschwollenen Gesicht macht sie sich auf zu der Kundin.


Ich schlendere hinauf zu dem Reihenhaus und klingele. Eine Frau in einem langen, roten Kleid und einem Glas in der Hand öffnet die Tür. Auch im Glas ist etwas Rotes. Ich grüße und stelle mich vor. Die Frau spricht so undeutlich, dass ich Schwierigkeiten habe, sie zu verstehen, als sie sich vorstellt: „Ásta Geirs, Alkoholberaterin.“

Sie bittet mich herein und gleichzeitig fällt ihr Blick auf meine dreckigen Schuhe.

„Ich bin durch Beton gelaufen“, erkläre ich und ziehe die Schuhe aus.

„Bemerkenswert“, knautscht Ásta hervor und schaut mich an, als wäre ich betrunken und nicht sie. Dann stellt sie das Glas auf einen kleinen Tisch unter dem Flurspiegel, nimmt meine Schuhe und geht mit ihnen in die Waschküche weiter hinten im Flur. Dort dreht sie den Kran auf und beginnt, meine Schuhe mit einem nassen Lappen zu putzen. Sie taumelt und es würde mich nicht überraschen, wenn sie jetzt in meine Schuhe reihert. Ich sehe, dass ein bisschen Kranwasser in sie hineinschwappt, aber zum Glück nichts anderes.

„So, fein“, sagt Ásta fröhlich nach der Reinigung und reicht mir die Schuhe. In den Nähten ist noch etwas Weißes, aber ich werde sie sorgfältiger putzen, wenn ich nach Hause komme.

Wir gehen ins Wohnzimmer, wo eine ganze Wand mit dem riesengroßen Bild eines Regenwalds tapeziert ist. Ásta bemerkt, dass ich den Blick nicht davon lösen kann.

„Ziemlich Siebziger, nicht?“, sagt sie und schwenkt mit der Hand aus, was dazu führt, dass sie das Gleichgewicht verliert und in einen weißen Lederstuhl plumpst, mit dem Rücken zum Regenwald. Ich tue, als ob nichts geschehen wäre und setzte mich auf ein Sofa ihr gegenüber. Zwischen uns ist ein Glastisch, auf dem Kunstbücher geordnet sowie einige Kaffeeflecken eher zufällig verteilt wurden. Es muss ermüdend sein, den Glastisch blitzblank sauber zu halten. In meinem Kopf stellt sich der absurde Gedanke ein, dass so womöglich das Haus von Arnold Stock aussehen könnte. Dann würde ich womöglich so einen Glastisch putzen müssen. Später dran denken: Kontaktanzeige wegwerfen.

„Na dann, was ist denn der Anlass der Feier?“, frage ich weihevoll wie ein Richter des Obersten Gerichtshofs und zücke Block und Bleistift. Mir fällt das Sprechen schwer wegen der Schmerzen in der Backe.

„Ich feiere bald meinen dreißigsten Entjungferungsgeburtstag“, sagt die Frau.

Ich kann nicht leugnen, dass mich das ein bisschen aus dem Konzept bringt, vermerke es jedoch gewissenhaft.

„Welche Schnittchen möchten Sie?“

„Ich möchte irgendwas mit vegetarischem Belag. Ich bin Vegetarierin. Habe Kohl schon als Mädchen geliebt.“

„Wären Gurken in Ordnung?“, frage ich vorsichtig.

„Jaja, ist mir egal. Hauptsache irgendwas mit Gemüse. O Gott! Was ist denn mit Ihrem Gesicht passiert? Das ist ja ganz verschwollen!“

„Ich wurde auf dem Weg hierhin verprügelt.“

Die Frau scheint nicht sonderlich beunruhigt darüber, dass ihre Gäste direkt vor ihrer Haustür verprügelt werden. „Meine Tante hat sich mal eine Zeit lang schlagen lassen. Sie meinte dann jedoch immer, sie hätte sich an einem Schrank gestoßen. Alle glaubten ihr, schließlich arbeitete sie bei IKEA. Die Leute merkten erst, was los war, als sie bei IKEA aufhörte, die verschwollenen Augen aber nicht weggingen.“

Ásta lehnt sich vor im Stuhl und reicht mir eine Hand aus dem Blätterdickicht. Einen Augenblick denke ich, dass sie mir in den Augen herumstochern möchte, um mein Leid zu vergrößern, aber stattdessen streicht sie mir über die Wange: „Eines muss man den Frauen in meiner Familie zugutehalten. Wir wissen, wann ein Paar blaue Augen wieder verschwinden wird. Ich gebe Ihren nicht mehr als drei Wochen.“

„Sollte man nicht immer rohes Fleisch auf blaue Augen legen?“, frage ich.

„Hier gibt es kein Fleisch. Oder vielleicht doch. Vielleicht gibt es noch Würste von 1944, die mein Sohn manchmal kauft. Die sollten Sie sich trotzdem nicht ins Auge stecken.“

Wir schweigen kurz, bis ich mich erinnere, weshalb ich eigentlich hier bin.

„Sie wollten Schnittchen und Brottorte für fünfzig Personen?“

„Genau, fünfzig Personen. Meine Familie plus alle, mit denen ich geschlafen habe.“

„Meinen Sie, dass die alle kommen?“

„Ich habe Einladungen verschickt, sogar eine nach Ibiza und drei nach London. Ich hoffe, dass sie kommen können.“

„Sie hatten nicht vielleicht eine engere Beziehung zu jemandem aus Pensacola?“

Ásta denkt nach. „Nein“, antwortet sie dann. „Ich glaube nicht.“

Ich kann es nicht lassen, sie zu fragen, was ihr Mann von der Feier hält.

„Welcher Mann?“, fragt Ásta verdutzt und ich schäme mich, dass ich ganz kleinbürgerlich angenommen hatte, dass es hier einen Hausherrn gibt.

„Ich hatte mal einen Mann, aber nachdem er sich eine Hornhautentzündung von einem jungen Mädchen eingefangen hatte, veränderte er sich. Wurde einfach zu jemand ganz anderem, irgendwie rührselig und wie ein altes Waschweib. Er sagte, er sähe das Leben jetzt mit anderen Augen. Eines Tages, als ich nach Hause kam, war er dabei, sein Zeug zu packen. Er zog zu dem Mann von nebenan. Es ist ganz schön befremdlich, die beiden beim Einkaufen zu treffen. Ich habe sie trotzdem eingeladen.“

Ich bedanke mich, stehe auf und sage „auf Wiedersehen“. Im Flur binde ich mir die kühlen Schuhe.

„Sie brauchen nicht zufällig eine Übersetzerin für die Feier, oder?“, frage ich Ásta, während ich die Haustür öffne.

„Wie Übersetzerin?“

„Ich spreche Dänisch.“

„Dänisch? Nein, ich kann mich nicht erinnern, einen Dänen eingeladen zu haben. Trotzdem danke der Nachfrage.“

Ich bin schon fast draußen auf dem Platz, als Ásta mir nachruft: „Entschuldigung, Sie hätten nicht vielleicht Zeit?“

„Zeit?“, frage ich und laufe zurück, um persönliche Informationen nicht durch das ganze Viertel krakeelen zu müssen.

„Ja, am Donnerstagabend.“

„Ah, so meinen Sie. Doch, schon.“

„Möchten Sie nicht vielleicht servieren?“

Ich nicke.

„Haben Sie vielleicht eine nette Freundin, die auch könnte?“

„Mehr als genug. Möchten Sie, dass ich eine mitbringe?“

Ásta hebt einen Daumen zur Bestätigung, verschwindet im Haus und schließt die Tür hinter sich. Ihr Kleid bleibt zwischen Rahmen und Tür hängen. Ich schaue eine Weile auf das rote Stückchen, lange genug, um sicher zu sein, dass Ásta das Kleid zerrissen haben muss, als sie sich umgedreht hat, und nicht etwa feststeckt.

Der Bürgersteig liegt topfeben da und nichts ließe vermuten, dass dort ein heimtückisches und wabbeliges Sumpfloch lauert. Zunächst will ich einen Bogen darum machen, besinne mich aber eines Besseren. Ich setzte mich mitten auf den Bürgersteig und ziehe die Kapuze über den Kopf, bevor ich mich hinlege. Dann mache ich einen Engel, flattere mit den Armen auf und ab und ziehe die Beine auseinander und wieder zusammen. Am Anfang braucht es etwas Anstrengung, um den trocknenden Beton zu bewegen, dann ist es ein Kinderspiel. Flatter, flatter, flatter.

Genugtuung. Die Arbeiter werden sich ganz schön wundern, wenn sie morgen zur Arbeit kommen und den Tag damit beginnen müssen, meinen Engel aufzufüllen.

Ich höre jemanden näherkommen und lasse das Geflatter. Halte den Atem an, während zwei Oberstufenschülerinnen mit Schultaschen an mir vorbeilaufen. Sie bemerken mich zum Glück nicht. Am besten sollte ich mich natürlich zu erkennen geben und ihnen raten, etwas anderes als Dänisch zu studieren. Man weiß ja nie, ob die Mädchen nicht schon daran gedacht haben. Es herrscht halt einfach keine große Nachfrage nach Leuten mit Dänischkenntnissen.

Die Häuser bilden eine Schutzburg über mir und in den Fenstern geht ein Licht nach dem anderen an. Die Leute kommen offensichtlich gerade nach Hause von der Arbeit. Die Abendnachrichten dringen aus dem Küchenfenster des nächsten Hauses. Der Ansager spricht vom „vædderen“ mit isländischer Aussprache. Innerlich lache ich ein bisschen.

Die Nordlichter haben sich über das Himmelsgewölbe ausgebreitet. Dass noch niemand ein Patent bekommen hat, Abonnements dafür zu verkaufen … Außer natürlich wir sind bereits Nordlichtabonnenten, ohne es zu wissen. Vielleicht hat Gott sie uns als Ausgleich für die Kälte und die Typen im Parlament gegeben. Wenn alles den Bach runtergeht, möchte er, dass wir denken: „Hey, zumindest haben wir die Nordlichter!“ Ich darf nicht vergessen, sie in meine Kladde zu zeichnen.

Als ich aufstehen will, rührt sich nichts. Ich stecke fest, wie sehr ich mich auch winde und wälze. Ich bin wie eine Lebkuchenfrau im Teig. Zuerst kommt mir in den Sinn, nach Hilfe zu rufen, aber dann lasse ich es. Ich kann genauso gut hier wie zuhause liegen.

Ich hoffe nur, es friert heute Nacht nicht.


Gerður Kristný (* 1970) schreibt seit den 90ern in allen Genres für sowohl Erwachsene als auch Kinder. Sie hat zahlreiche Preise für ihre Werke erhalten, von denen zwei bereits ins Deutsche übersetzt wurden. Ihre Kurzgeschichten zeichnet vor allem der pechschwarze Humor aus, von dem „Kein Engel“ („Enginn engill“) aus dem Band Eitruð epli (Vergiftete Äpfel) von 1998 einen guten Eindruck bietet.  

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