Übersetzung Prosa

Legende [IS]: Das geweihte Drangey


Die Insel Drangey im Skagafjörður  in Nordisland sieht nicht nur spektakulär aus; es ranken sich auch zahlreiche Legenden um sie. Bekannt ist sie vor allem deshalb, weil Grettir der Starke aus der Grettis saga Ásmundarsonar hier seine letzten Jahre als Geächteter verbracht haben soll. Aber auch danach bot sie Stoff für Geschichten. Nach Grettirs Tod fuhren die Menschen oft zur Vogeljagd nach Drangey, doch die Seile, mit deren Hilfe sie an den Felsen entlangkraxelten, rissen häufig und viele stürzten zu Tode. Das Gerücht ging um, dass im Inneren der Insel Wesen wohnten, die den Vogelreichtum nicht mit den Menschen teilen wollten und deshalb die Seile zerschnitten. Hier setzt folgende, ebenfalls berühmte Geschichte an.


So ging es, bis Guðmundur Arason der Gute Bischof in Hólar wurde. Bischof Guðmundur war, wie allgemein bekannt dank seiner Lebensgeschichte, ein großer Wohltäter, der mit Psalmgesang und Weihen seinen Landsleuten lange nützte und ihnen Hilfe leistete und Besserung gegen viele Übel und viele böse Ungeheuer vertrieb. Bischof Guðmundur war gut zu den Armen und er nahm viele sowohl zu sich auf den Bischofssitz, wenn er dort war, als auch mit auf Reisen durchs Land. Aus diesem Grund herrschte manchmal Nahrungsknappheit im Frühling auf dem Bischofssitz und man musste alles an Nahrung nehmen, was man finden konnte. Er schickte seine Leute im Frühling oft nach Drangey, um Fisch zu fangen und Vögel zu jagen und schon bald kam es dazu, dass die Ungeheuer, die auf der Insel waren, sich gegen die Leute des Bischofs wandten wie gegen andere, und so verloren viele ihr Leben.

Dem Bischof wird erzählt, welchen Verlust an Menschenleben er bei der Insel erleide, und so entschließt er sich, mit seinen Priestern und Weihwasser zur Insel zu reisen. In Uppgönguvík gibt es einen Felsabsatz, der aussieht, als wäre er von Menschen errichtet, und der wird Gvendursaltar [Gvendur = Koseform von Guðmundur] genannt. Als der Bischof von Bord ging, so erzählen die Leute, habe er eine Messe gesungen und diesen Absatz als Altar benutzt, aber andere meinen, er hätte dort nur sein Gebet gesprochen. Noch heute pflegen die Menschen den Brauch, dass niemand nach Drangey hinaufklettert oder von oben herab, ohne sein Gebet an diesem Absatz zu sprechen. Danach ging er ans Werk und weihte die Insel und begann etwas nördlich von Hæringshlaup an der südlichsten Spitze der Insel, dort, wo heute am unteren Teil die Schuppen stehen, und er weihte rechtsum oder gegen den Uhrzeigersinn weiter, oben wie unten, und wo er nicht bis hinunter zum Strand kam, weihte er vom Meer aus längsseits, und ebenso seilte er sich ab in die Felsen und so kam er rings um die ganze Insel mit Gebeten und Gesängen und Weihwasser und seine Priester mit ihm.

Nirgendwo wird erwähnt, dass er irgendwelche Ungeheuer entdeckt hätte, bevor er wieder auf die Westseite Richtung Uppgönguvík an die Nordspitze der Insel gekommen war. Dort seilte er sich in die Felsen ab wie auch anderswo und als er so weit hinabgekommen war, wie es ihm angemessen schien, beginnt er wie zuvor zu weihen und zu beten. Doch als er eine Weile gebetet hat, kommt eine große Pranke, grau und zottelig, in einem roten Ärmel aus dem Fels und sie umfasst eine große und scharfe Schere, mit der sie das Seil anschneidet, an dem der Bischof hing, und so zerschneidet sie zwei Stränge des Seils; dem Bischof aber rettete das Leben, dass die Schere nicht den dritten Strang zerschneiden konnte, denn der war geweiht.

In diesem Augenblick hört der Bischof eine Stimme aus dem Felsen sagen: „Weihe jetzt nicht mehr, Bischof Gvendur; irgendwo müssen die Bösen sein.“

Da ließ der Bischof das Seil und sich selbst hochziehen und sagte, er würde den Rest der Felsen von dort bis Byrgisvík nicht mehr weihen, doch alles, was bis dahin geweiht war, würde weder seinen noch anderen Leuten je wieder zum Schaden gereichen; und bis jetzt habe sich das bewahrheitet, meint man.

Jener Teil des Felsens, den Bischof Guðmundur ungeweiht zurückließ, ist heute noch ungeweiht und er heißt seitdem Heiðnaberg [Heidenfelsen] und die Leute erzählen, dass es dort die allermeisten Vögel auf ganz Drangey gebe und der Glaube besteht noch, dass die Leute sich nur unwillig in den Heiðnaberg abseilen.

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