Interpretation

[Interpretation] Marion Poschmann: Ersatzbatterien. Poesie-Sutra in Taschenformat

Du mußt Mondgewohnheiten annehmen, bevor du dich aufmachst zur Plattform. Du mußt haushalten können mit deinem eigenen Anblick, bevor du beobachtest, was sich rar macht. Mondphantom. Ichphantom. Grauer steht jetzt die Kiefer und schwerer über dem See. Ein Ast überlappt schwappendes Wasser und das, was herausfiel aus allen Bedingungen. Du beginnst in den Schattenzonen und suchst die geheimen Grundlagen dunkler …, wovon? Einzelne Zweige fliehen vor dir in den Wind. Du versuchst es mit Einfühlung, aber die Wälder ziehen sich weiter zurück in die Abgründe deines Bewußtseins. Ihr Sinn erschließt sich allein den Gedichten in Schönschrift. Der Rest ist Gekritzel. Du reißt Wasserfälle von den Kanten ab und verstaust sie in Seerosenteichen. Einzelne Wellen schlagen noch an den Strand. Deine Farbe versandet. Was du behältst, ist bloß das Gefühl einer wolkigen Obrigkeit, die dich streng überwacht. Letzte Dinge drängen sich auf, eingeschlagen in schönes Papier. Die Geschenke hättest du besser ungeöffnet gelassen, sie enthalten, du ahntest es schon, nichts als Wasser. Dann ist der Damm gebrochen, jetzt kannst du dein Pathos zurückfahren. Definitionen von Dämmerung: Wenn sich der Mond in dir spiegelt, herrscht Nacht.

Worum geht es in Marion Poschmanns Prosagedicht „Ersatzbatterien“ aus dem Band Geliehene Landschaften (2016)? Nun, offensichtlich geht es um Ersatzbatterien, den Mond, Kiefern, Gedichte, die letzten Dinge und Geschenkpapier. Alles klar? Tja. Wo soll man überhaupt anfangen, nach einem Ort zu suchen, wo ein solches Kuddelmuddel an Dingen zusammentrifft? Im Zweifel immer bei sich selbst, in seinem eigenen Bewusstsein natürlich.

„Ersatzbatterien“ ist das letzte Gedicht des Zyklus „Kyoto. Regional Evacuation Site“. Poschmann hat sich eine Zeitlang in Kyōto aufgehalten und dieser Aufenthalt hat tiefe Spuren in ihrem Werk hinterlassen. Nicht nur obengenannter Zyklus bzw. der ganze Band, sondern auch zahlreiche Essays und Poschmanns vierter Roman Die Kieferninseln zeugen davon. „Spuren hinterlassen“ ist jedoch womöglich der falsche Ausdruck. Vielmehr haben Poschmanns und das traditionell japanische Verständnis von Poesie und Ästhetik viele Überschneidungspunkte.

An meiner flapsigen Introduktion mag man die Schwierigkeit ablesen, in diesem Gedicht ein Sujet, einen Gegenstand dingfest zu machen. Das angesprochene Du versucht das selbst scheinbar unentwegt, doch der Gegenstand entzieht sich ihm („was sich rar macht“; „Mondphantom“; „Einzelne Zweige fliehen vor dir in den Wind“; „[…] die Wälder ziehen sich weiter zurück in die Abgründe deines Bewußtseins“; „Die Geschenke […] enthalten […] nichts als Wasser“). Wann immer dieses Du etwas zu fassen versucht, zerrinnt es vor seinen Augen. Trotzdem steht am Ende ein Gedicht da. Das soll nicht heißen, dass Poschmanns Poem gegenstandslos ist, „viel Lärm um nichts“, um ihre Shakespeare-Referenz aufzugreifen („Der Rest ist Gekritzel“ – „Der Rest ist Schweigen“): Sein Gegenstand ist vielmehr dieses Sich-Entziehen eines Gegenstandes. Es beschreibt den Wahrnehmungsprozess bei der Entstehung eines Gedichts und versucht – ironisch gefeit in seinem Wissen um die Vergeblichkeit dieses Vorhabens – den flüchtigen Zauber eines poetischen Moments zu transportieren.

Alpha und Omega ist dabei der Mond. Er eröffnet und beschließt das Gedicht. Der Mond als Motiv hat im Zen-Buddhismus und in der ostasiatischen Poesie eine herausragende Stellung inne. 2015 hielt Poschmann eine Poetikvorlesung mit dem Titel „Die Kunst der Überschreitung“. Der erste Teil hieß „Der Raum und die Dinge. Mondbetrachtung, Geistersehen“. Dort schreibt sie: „Der Mond ist [in Ostasien] das Motiv der Dichtung schlechthin“  (Poschmann*, S. 137). Ergänzt wird diese Feststellung durch eine Anekdote über den poesieaffinen Samurai Jōzan Ishikawa, der ein „Mondbetrachtungszimmer“ samt „Mondbetrachtungsturm“ in seinem Haus hatte. Damit wäre die „Plattform“ am Anfang des Gedichts erklärt, zu der sich das Du aufmachen soll: Es ist eine Plattform zur Mond- und Landschaftsbetrachtung.

Die „Plattform“, eigentlich ein Podest, ist gleichzeitig der Ort, von dem aus buddhistische Lehrer ihre Lehrreden hielten. Berühmt ist das danach benannte „Plattform-Sutra“ des letzten Zen-Patriarchen Huineng. Diese Anmerkung wäre vielleicht ein wenig übereilt, hieße Geliehene Landschaften im Untertitel nicht Lehrgedichte und Elegien. Auch die Du-Form des Gedichts wäre damit teilweise erklärt: „Ersatzbatterien“ ist eine Art Lehrgedicht, ein poetisches Sutra, in dem Poschmann den angesprochenen Leser oder ihr eigenes Alter Ego das eine oder andere über Poesie lehrt. Nicht schulmeisterlich natürlich, sondern im Gegenteil mit einer ordentlichen Portion (Selbst)Ironie und Augenzwinkern.

Bleiben wir kurz bei der buddhistischen Gelehrsamkeit. Der Mond, der sich im Wasser spiegelt, ist ein uraltes und weitverbreitetes Bild in der Zen-Tradition. Er steht einerseits für die Weisheit des Buddha. Wie es nur einen unberührbaren Mond gibt, der sich in unzähligen Gewässern spiegelt, gibt es nur ein ordnendes Prinzip der (Buddha-)Weisheit, das sich in unzähligen Menschen manifestieren kann, gleichzeitig aber ungreifbar bleibt. Zu einer Stelle des Kṣitigarbha-Sutra aus dem 7. Jahrhundert kommentiert der Zen-Meister Hsuan Hua zum Beispiel: „Diese Art spirituellen Gespürs [der Bodhisattvas] ähnelt ‚eintausend Spiegelungen des Mondes in tausend Teichen […]‘. Das Mondlicht in diesen Teichen ist der Geist sowie die Natur oder auch Körper und Geist. […] [O]hne die Gewässer bleibt der Mond im Wesentlichen ungeteilt. Wo es Gewässer gibt, dort ist auch Mondlicht. Heißt das nun, dass ein Teil des Mondes dort im Wasser ist? Nein. Trotzdem erlaubt das Wasser dem Mondlicht, sich zu zeigen.“ Ähnlich kommentiert er das enorm einflussreiche Avatamsaka-Sutra: „Der Buddha ist wie der reine, kühle Mond: / Immer auf dem Weg durch den Raum. / Wenn das Wasser im Geist der Wesen klar ist, / spiegelt sich das Erwachen darin.“ Auch das Avatamsaka-Sutra selbst, das etwa zwischen dem 1. und dem 5. Jahrhundert entstand, kennt diese Allegorie bereits (vgl. Chung-Shu Ch’ien et al.**, S. 126).

Die Weisheit des Buddha besteht aber teilweise in seinem Wissen um die Essenzlosigkeit, die Leerheit (Shunyata) der Dinge. Im Avatamsaka-Sutra wird diese Weisheit „phantomhafte Weisheit“, der Buddha selbst ein „Phantom-Meister“ genannt (Nishitani***, S. 254; vgl. „Mondphantom, Ichphantom“ im Gedicht). Gerade für diese Illusorität aller bedingten Phänomene wurde ebenso häufig das Bild des Mondes, der sich im Wasser spiegelt, gebraucht. So gibt es in der ostasiatischen Kunst das Motiv des „Wasser-Mond-Guanyins“. Guanyin (jap. Kannon) ist ein Bodhisattva, der manchmal als Mann, manchmal als Frau auftritt. Der „Wasser-Mond-Guanyin“ ist eine typisierte Darstellung Guanyins (als Gemälde oder Statue), die ihn/sie zeigt, wie er/sie auf die Spiegelung des Mondes in einem Gewässer blickt. Der Mond gilt hier als Metapher für die angesprochene Illusorität der Dinge.

Wasser-Mond-Guanyin. 14.-15. Jahrhundert

Genau auf diese Illusorität spielt Poschmann in ihrem Gedicht an („Mondphantom, Ichphantom“; „was herausfiel aus allen Bedingungen“), doch nicht nur dort. In dem bereits zitierten Essay schreibt sie: „Der Mond, durch sein silbriges, geheimnisvolles Licht und sein Erscheinen in der Nacht eng verknüpft mit dem Traum, ist in einer Zwischenwelt angesiedelt zwischen Schlafen und Wachen, Sein und Nichtsein. Er leuchtet nicht selbst, sondern reflektiert das Sonnenlicht. Dies prädestiniert ihn als Bild für eine gewisse Indirektheit, für Sehnsucht, Melancholie, für das Ungreifbare. Er leuchtet nicht selbst aber er leuchtet doch. Daher gilt der Mond in der Dichtung traditionell auch als Symbol des Bewußtseins: Wie der Mond schafft dieses irreale Räume, es erleuchtet sie, es verleiht den befindlichen Dingen Kontur und Gestalt, aber was sind diese Dinge in Wirklichkeit? Sind sie tatsächlich mehr als eine Einbildung, mehr als ein Traum?“ (Poschmann, S. 140 f.)

„Du mußt Mondgewohnheiten annehmen“ heißt: Du musst dich selbst, dein Bewusstsein reflektieren, du musst wesenlos werden, du musst aufhören, an die Wesen- und Wahrhaftigkeit der Dinge zu glauben. Dann bereitet dir das Gedicht auch kein Kopfzerbrechen. Dann erkennst du vielleicht, wie verspielt („illusio“ kommt von „ludus“, Spiel) es manchmal anhand von unwesentlichen semantischen („Mondgewohnheiten“ – „haushalten“) oder klanglichen („Ein Ast überlappt schwappendes Wasser und das, was herausfiel […]“; „Damm“ – „Dämmerung“) Merkmalen voranplätschert, eben wie das Bewusstsein von Wahrnehmung zu Gedanke zu Plan zu Erinnerung plätschert, meist ohne stringente Systematik. Dann lässt du vielleicht ab von der zwielichtigen Scheinweisheit der vernünftigen Definitionen („Definitionen von Dämmerung“), der dualistischen Abgrenzungen, in denen „finis“, das Ende, steckt, die „letzten Dinge“, ein steifes, philosophisch überfrachtetes Wortpaar, das dir doch nichts über das leichte, verrinnende Hier und Jetzt beibringen kann. Das sollte man doch lieber in „schönes Papier“ einschlagen.

Hier dringen wir in den Kern von Poschmanns poetischem Sutra vor: Schönheit. Im veritablen Kern des Gedichts heißt es: „Ihr Sinn erschließt sich allein den Gedichten in Schönschrift.“ Die Außenwelt („die Wälder“) wird allein in der bedingungslosen, zwecklosen, intrinsischen Schönheit, Schönschrift sinnvoll: in der Poesie, im Gedicht. Letzte Dinge in allen Ehren: Erst im leichten Gewand (der Form!) des dezidiert „schönen“ Papiers werden sie, nun, nicht unbedingt fassbar, aber sinnfällig. Die Unfasslichkeit des poetischen Moments und der Phantasmagorien des Gedichts**** spiegelt sich dabei nicht nur in der Mondmetapher, in den Bewusstseinssprüngen, sondern auch in der Form selbst wider. „Ersatzbatterien“ ist (wie alle Gedichte des Zyklus, generell aber eine Ausnahme in Poschmanns Œuevre) ein Prosagedicht, eine nebulöse Mischform aus Prosa und Lyrik, gebundener und ungebundener Sprache.

Wie passen jetzt die „Ersatzbatterien“ hierein? Dazu möchte auf einen letzten Aspekt eingehen, der das Gedicht durchzieht: den Gegensatz von Pathos und Bathos, dem Hohen („wolkige Obrigkeit“, Ego) und dem Niedrigen. Pathos („jetzt kannst du dein Pathos zurückfahren“) ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist dessen Gegenteil, das tatsächlich gut altgriechisch „Bathos“ (eigentlich: „Tiefe“) heißt und einen Stilgriff bezeichnet, der in meist komischer Weise Hohes und Niedriges kontrastiert. In Poschmanns Gedicht gibt es dafür einige Beispiele, etwa die zitierten „letzten Dingen“, die in „schönes Papier“ eingeschlagen werden. Oder den letzten Satz: „[W]enn sich der Mond in dir spiegelt, herrscht Nacht.“ Einerseits klingt das wie eine mystische Zen-Sentenz. Es rekurriert auf die „Mondgewohnheiten“ am Anfang und die lange, gelehrte Tradition vom Mond im Wasser, die ich hier angeschnitten habe. Andererseits ist die Aussage eine Plattitüde: Es ist meistens Nacht, wenn der Mond scheint. Egal wo. Poschmann beschließt ihr Sutra also mit herrlicher Selbstironie. Gerade darin offenbart sich wiederum eine Gelassenheit und ein abgründiger Humor, die im Zen von enormer Bedeutung sind (dazu kann ich Byung-Chul Hans Philosophie des Zen-Buddhismus empfehlen). Alles bleibt letzten Endes in ein silbriges Zwielicht gehüllt. Und der Titel? Das Gedicht, das vor „Ersatzbatterien“ steht,  heißt „Taschenlampe“. Auch für ein paar Zeilen handliche Erleuchtung sollte man schließlich Ersatzbatterien bereithalten.


* Marion Poschmann: Mondbetrachtung in mondloser Nacht. Über Dichtung. Berlin 2016.

** Chung-Shu Ch’ien et al.: Limited Views: Essays on Ideas and Letters. Cambridge 1998.

*** Keiji Nishitani: Was ist Religion? Frankfurt 1982.

**** „Dichtung vollbringt das Unmögliche: Sie evoziert Bilder im Raum, hält die flüchtige Welt für Momente fest, läßt das Unsichtbare sichtbar werden. Aber das erstaunlichste [sic] dabei ist, sie stellt Bilder in einen Raum, den es vorher nicht gab. Und sie läßt uns umgekehrt fragen, in welchem Raum eigentlich das stattfindet, was wir für unsere Alltagswelt halten.“ Poschmann, S. 8.

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