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170721| Weniger schlecht ist das bessere Besser

Im Isländischen gibt es zwei Wörter für „besser/am besten“: „betri/bestur“ und „skárri/skástur“. Genau genommen bedeutet „skárri“ jedoch nicht „besser“, sondern „weniger schlecht“. Was auf den ersten Blick wie Wortklauberei aussieht, hat philosophisch enorme Konsequenzen.

Wenn wir etwas als „besser“ bezeichnen, dann meinen wir eigentlich häufig, dass etwas „weniger schlecht“ ist und das hat nichts mit einer Glas-halb-voll- oder Glas-halb-leer-Perspektive zu tun. Ärzte beispielsweise machen die Welt nicht besser, sondern weniger schlecht: Sie kämpfen gegen die natürlichen Übel und Abbauprozesse, denen jeder einzelne Körper unterworfen ist. Krankheit, Leiden, Alter und Tod sind (bisher) unausweichliche Gegebenheiten des menschlichen Lebens, auf die die meisten von uns wahrscheinlich zumindest teilweise verzichten würden, wenn sie könnten. Genauso wie mit der Gesundheit verhält es sich mit den anderen Grundbedürfnissen: Sie zu befriedigen, ihnen also entgegenzuarbeiten – und die meiste Arbeit dient immer noch mittelbar oder unmittelbar diesem Zweck – macht die Welt nicht positiv besser, sondern wendet die Übel ab, die uns befallen würden, wenn wir das nicht täten. Es macht die Welt weniger schlecht. Besonders prekär wird diese Einsicht, wenn es ums Kinderkriegen geht, aber das hat Karim Akerma bereits besser (und nicht bloß weniger schlecht) formuliert, als ich es hier könnte.

In welchem Zusammenhang dürfte man „betri“ dann überhaupt philosophisch einwandfrei verwenden? Wann wird etwas tatsächlich „positiv besser“ und nicht einfach „weniger schlecht“? Die augenfälligste Antwort wäre: Wenn etwas bereits gut ist, bevor es verbessert wird, oder umgekehrt: Wenn die Alternative zur „Verbesserung“ nicht Leid oder einen sonstigen negativen Zustand bedeutet. Eigentlich ist das nur bei Luxus der Fall. Eine abwechslungsreiche Kost ist tatsächlich besser als jeden Tag Brot und Wasser. Man kann von Letzterem (im übertragenen Sinne) überleben, man leidet nicht direkt daran, aber Variation in der Ernährung macht das Leben besser. Man braucht keine Computerspiele, um sich nicht zu langweilen, aber sie bieten – für manche zumindest – eine bessere Unterhaltung als Murmeln.

Hier stoßen wir allerdings auf ein Problem: Was ist Luxus? Ist alles, was über das bloße Überleben hinausgeht, bereits Luxus? Man braucht nicht jeden Abend Hummer und Kaviar, um zu überleben, aber bedeutet das gleichzeitig, dass man auf Dauer nicht leidet, wenn man immer dasselbe isst? Man braucht kein Eigenheim, um zu überleben, aber bedeutet das gleichzeitig, dass man auf Dauer nicht leidet, wenn man bis an sein Lebensende mit Mitbewohnern zusammenleben muss? Man braucht theoretisch keine Freunde zum Überleben, aber bedeutet das gleichzeitig, dass man an der dauerhaften Einsamkeit nicht leidet? In diesem Sinne machen viele Dinge, die das Leben auf den ersten Blick positiv besser machen, es auf den zweiten Blick ebenso schlicht – weniger schlecht.

Im Deutschen gibt es nur das Wort „besser“, was immer die Verbesserung ausgehend von einem positiven Grundzustand suggeriert. Wäre es vor dem hier skizzierten Hintergrund abwegig, von einer sprachlich motivierten Verzerrung zum Positiven, einem sprachlichen Pollyanna-Prinzip im Deutschen zu sprechen? Vielleicht.

Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass Isländer qua „skárri“ ein sensibleres Gespür für die negativen Seiten des Lebens haben und ein Abend mit isländischen Langfilmen wird jedem diese Vermutung bestätigen. Vielleicht haben auch das unausgesetzte Scheißwetter, die sechs Monate Frost und Dunkelheit jedes Jahr sowie ein maximaler Umgangskreis von der Größe Bielefelds ihren Anteil an diesen Filmen. Vielleicht.

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