Übersetzung Prosa

Peter Wessel Zapffe [NO]: Eine Kerze

Es war einmal eine ziemlich gewöhnliche Kerze. Woraus sie bestand, wusste sie selbst nicht und deshalb wissen wir es auch nicht, denn sie hatte nie ihre Geschwister oder Standesgenossen gesehen oder mit ihnen gesprochen, seit sie vom Guss gekommen war – und das war entsetzlich lange her. Jetzt lag sie auf dem Boden einer Truhe und war also verwahrt und vergessen; niemand dachte an sie und deshalb fühlte sie sich auch etwas einsam und nahm es nicht mehr so genau mit Staub und Schmutz.

Eines Tages kam ein Gast ins Haus, ein junges Mädchen aus dem Dorf; sie war ganz entzückt über den alten Hof und stöberte in allen Winkeln und Ecken. So kam sie auch zu der Truhe, in der die Kerze lag und döste und träger und träger wurde unter den Haufen von alten Sachen, aus denen es nach Kampfer und Lavendel roch. „Ja schaut mal, was ich gefunden habe!“, rief sie und hielt die Kerze in die Luft, „eine echte Talgkerze von der alten Sorte!“ Denn sie sah sofort, was für eine Kerze es war. „Die muss ich aufheben und in den Leuchter bei Oma stecken!“ Und die Kerze wurde fröhlich und stolz und richtete sich zu voller Höhe auf – denn sie war echt und gehörte zu den alten Dingen.

Eines Abends kamen mehrere Gäste, alle jung und froh, und auf dem Tisch standen Kandelaber mit vielen leuchtenden Flammen. „Was für ein Glanz“, dachte die Kerze und war im ersten Augenblick geblendet. Aber was in aller Welt – da brannten ja Kerzen! Sie waren wohl höher und feineren Schnittes, denn sie waren aus dem Ausland. Aber niemand konnte doch bezweifeln, dass es Kerzen waren.

„Kann ich auch so goldene Strahlen werfen?“, flüsterte der Docht und die ganze Kerze erzitterte.

Jetzt folgten unruhige Nächte und Tage im Fieber. Alles ballte sich um die wunderbare Kraft zusammen, die sie in ihrem Inneren ahnte. Denn Visionen kamen – und Gesang überall! Und Angst – aus unbekannten Quellen: Schließlich war jetzt alles möglich! Und da erkannte sie plötzlich etwas, das sie in der ersten Verzückung gar nicht bemerkt hatte: Die brennenden Kerzen zehrten sich allmählich auf! Sie gingen unter in der Erlösung, sie gaben sich hin in den Strahlen, im Kerzenlicht. – Kerzenlicht? Aber da war ja ihr Name! Sie hatte die Verheißung all die Zeit in sich getragen, ohne es zu ahnen! Eine Kerze: Das war nicht nur ein weißes Stäbchen mit einem Faden darin, sondern Glut und Kraft und Jubel und Verwandlung!

Doch vorläufig passierte nichts weiter, denn diese Talgkerze war eben schön, genau wie sie war. Und sie wurde vorgezeigt und besprochen und wurde Zeuge, wie man die Stummel der feinen Neumodischen wegwarf. Da verging erneut einige Zeit wie damals, als sie ungesehen auf dem Truhenboden gelegen hatte und so geschah es, dass die Sehnsucht, entzündet zu werden, manchmal einbrach und dazu gesellten sich Überlegungen. Schließlich hatte der Zweifel den Platz des Glaubens eingenommen und als die Sonne mit all ihrer Macht eines Frühlingstags durch die Fenster brach, verstand die Kerze nicht mehr, wovon sie eigentlich im Dunkel des Winters gefaselt hatte. „Alte Närrin“, sage sie zu sich selbst und so sank sie zusammen und schlappte über die Kante.

Das junge Mädchen nahm ein Messer und teilte die Kerze in der Mitte. Den krummen Teil warf sie in den Ofen und schloss die Klappe dahinter und da verbrannte er in einer wilden und krankhaften Ekstase, von der keine lebende Seele eine Ahnung haben konnte. Den aufrechten Teil stellte sie in eine niedrige Schale auf den Schrank in der Ecke und als der Herbst heraufdämmerte, begann der Docht, wieder vorsichtig zu träumen, dieses Mal demütiger, doch mit jeder Faser wusste er, dass Weihnachten nahte. Daraufhin reiste das junge Mädchen zurück ins Dorf und gleichzeitig kamen einige seltsame Drähte ins Haus; alle Kron- und Wandleuchter wurden abgenommen. Die Talgkerze landete in einer Ecke auf dem Dachboden – und nun konnte sie mal richtig über das Leben nachzudenken beginnen – und das tat sie auch gründlich und unbeirrt, bis die Mäuse sie fanden.

Eines Samstags kamen die Mädchen mit der Wäsche herauf und eine von ihnen stieß sich den Kopf am Dachbalken. „Verflixt, wie dunkel es hier ist“, sagte sie. „Hast du keinen Kerzenstummel?“ – „Irgendwo lag hier mal einer den ganzen Winter über“, sagte die andere und wühlte in der Ecke. „Nein, sieh mal: Nur der Docht ist noch übrig.“ – „Dann gibt es hier Mäuse“, sagte die Erste. – „Hier gibt’s ein bisschen von allem“, sagte die Zweite. „Irgendwann müssen wir hier wohl mal aufräumen, sonst wird die Madame fuchtig.“

Aber für den armen Docht war das wohl mehr als ein Aufräumen, denn für ihn war die Zeit der Aufwartung gekommen – und alles vorbei. Dass er niemals sein Strahlenbündel über die Menschen zur Festzeit würde erheben können, damit hatte er sich nach der furchtbaren Begegnung mit dem Sonnenschein abgefunden, aber jemandem bloß ein wenig Licht bei der täglichen Plackerei zu spenden, das wäre ein unbeschreibliches Glück gewesen. Bis zu diesem Augenblick hatte jener Traum im Docht ausgeharrt, aber jetzt verging er, ohne dass auch nur eine Seele in der Welt eine Ahnung davon gehabt hätte. – Und als der Traum tot war, war der Docht nicht mal mehr ein Docht, sondern bloß ein ziemlich gewöhnlicher Faden.


Peter Wessel Zapffe (1899-1990), dem die düsteren Ecken dieses Blogs gewidmet sind, war ein norwegischer Philosoph, Schriftsteller und Bergsteiger. Berühmt ist er vor allem wegen seiner pessimistischen Philosophie, die er zunächst in dem Essay Der letzte Messias (Den sidste Messias, 1933), dann in seiner Doktorarbeit Über das Tragische (Om det tragiske, 1943) ausgeführt hat. Die Erwähnung des Essays in Thomas Ligottis The Conspiracy Against the Human Race (2010) machte Zapffe einem breiteren Publikum bekannt. Eine Kerze (Historien om et lys, 1945) erschien zum ersten Mal in der Zeitschrift Norsk Julestemning („Norwegische Weihnachtsstimmung“); ob die Erzählung wirklich für Weihnachtstimmung gesorgt hat, sei mal dahingestellt.

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