Stubben

151020|Nicht mehr alle fünf Mumins im Stall haben

„Nicht alle Latten am Zaun haben“, „nicht alle auf dem Christbaum haben“ oder – der Klassiker – „nicht mehr alle Tassen im Schrank haben“. Im Deutschen erfreuen sich Redewendungen nach dem Muster „nicht (mehr) alle X haben“ für „(etwas) verrückt sein“ großer Beliebtheit. In den nordischen Sprachen verhält es sich ähnlich (mal mehr, mal weniger). Aber bleiben wir zunächst beim Deutschen: Warum sagt man überhaupt „Der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“, wenn man meint, dass jemand nicht ganz klar im Kopf ist?

Nach einigem Googeln kann ich sagen: Man weiß es nicht genau. Scheinbar ist die Wendung allerdings nicht allzu alt. Die älteste Quelle im Netz ist ein Artikel der Zeit von 1951, der wiederum auf eine Publikation von 1941 verweist. Darin wird „Du hast wohl nich alle Tassen im Schrank“ als ein Beispiel der Berliner Schnauze präsentiert. Warum gerade Tassen als Metapher des Verstandes herhalten müssen, sorgt immer noch für wilde Spekulationen. Zugegeben: Schon das Wort „Kopf“ hat seinen Ursprung im lateinischen „cuppa“ für „Becher“: Trinkgefäße bieten sich natürlich als Metapher der Hirnschale an. Dass „Tasse“ in obiger Wendung allerdings auf ein jiddisches „toschia“ (Verstand) zurückgehe, wie es bspw. Wikipedia (Stand 15.10.2020) und damit auch viele anderen Seiten im Netz behaupten, darf bezweifelt werden. Auffällig viele deutsche Wendungen, die den Geist betreffen, gehen tatsächlich auf jiddische Worte zurück, bspw. „eine Meise haben“. Es gibt laut dem hier verlinkten Artikel jedoch keinen einzigen Wörterbuchbeleg für das jiddische Wort „toschia“ (es gibt hebr. „tushiya“, was „Umsicht“ bedeutet). Die einzige Quelle für toschia=Verstand=Tasse ist ein Artikel von Sigmund A. Wolf in der Zeitschrift Muttersprache von 1956, auf den sich auch Wikipedia stützt. Daneben macht es m. E. keinen Sinn, „Tasse“ in der entsprechenden Redewendung auf ein jiddisches Wort zurückzuführen. Anders als bspw. „es zieht wie Hechtsuppe“ ist „nicht alle Tassen im Schrank haben“ auf den ersten Blick völlig stimmig und selbsterklärend: Wie es jemandem an Tassen im Schrank mangelt, mangelt es jemandem an geistigen Fähigkeiten im Kopf. Gerade vor dem Hintergrund der Phrase „sie nicht alle haben“ (s. u.) erschließt sich die Wendung als humoristische Ausmalung derselben. Im Gegensatz dazu würde eine Erklärung von „Tassen“ als „Verstand“ den Sinn und die Schlagkraft der Phrase schmälern: „Du hast nicht allen Verstand im Schrank“? Sicher: Wenn man nur ideologisch genug hinguckt, ist das Deutsche kaum mehr als ein jiddisches Superstrat, aber so bleibt es erstmal ein deutsches Idiom mit ganz biederen Tassen in einem ganz biederen Schrank.

Nun aber zu den nordischen Sprachen. Das Dänische kennt (m. W.) tatsächlich keine Entsprechung der „nicht mehr alle X haben“-Formulierung. Man kann natürlich ausdrücken, dass jemand „eine Schraube los hat“ („ha en skrue løs“), aber man kann im Dänischen nicht sagen, dass jemand „nicht mehr alle Schrauben“ hätte (wie man das im Schwedischen könnte; s. u.).

Wenn jemand in Norwegen nicht bei klarem Verstand ist, sagt man, er „sei nicht bei seinen vollen Fünfen“ („ikke være ved sine fulle fem“), was sich natürlich auf die klassischen fünf Sinne bezieht. Auch im Deutschen kann man schließlich sagen: „Du hast sie wohl nicht alle“, was elliptisch auf alle fünf Sinne abzielt: Früher hatte man „nicht mehr alle fünf Sinne beisammen“, wenn man geistig zerrüttet war.

Auf Island gibt es die Phrase „að vera ekki með öllum mjalla“, wörtlich „nicht allen Verstand haben“. „Mjalla“ ist die Dativ-Singular-Form von „mjalli“, einem Wort, das heutzutage nur noch in dieser Phrase auftaucht und ursprünglich „Verstand“, noch ursprünglicher allerdings „Helle, Weiße“ bedeutete. Die Verwandtschaft sieht man noch anhand von Wörtern wie „mjöll“ („Neuschnee“) oder „mjallhvítur“ („schneeweiß“). „Mjalli“ im Sinne von „(klarer) Verstand“ als auch von „Helle“ konvergieren wohl in der konkreten oder figurativen Bedeutung des Adjektivs „mjallur“ für „rein, klar, hell, weiß“ (vgl. hier). Im Grunde eine traurige Geschichte, die „mjalli“ hier durchmacht: Von der Weißheit zur Weisheit und weiter zu verwaisten Existenz im Formaldehyd einer Redewendung.

Das Schwedische ist voll von Phrasen nach dem Muster „nicht alle X haben“. Man hat „nicht mehr alle Pferde im Stall / zuhause“ („inte ha alla hästar i stallet / hemma“), „nicht mehr alles Besteck in der Schublade“ („inte ha alla bestick i lådan“) oder „nicht mehr alle Indianer im Kanu“ („inte ha alla indianer i kanoten“). Allerdings muss man hier vorsichtig sein. Anders als es das größte digitale Schwedisch-Deutsch-Wörterbuch dict.cc suggeriert, bedeuten diese Phrasen nicht unbedingt wie im Deutschen, dass jemand (etwas) verrückt sei. Die gängigste Bedeutung ist vielmehr, dass jemand „nicht der Klügste“ ist (vgl. bspw. hier), wobei alles, was einen Mangel an geistigen Kräften bezeichnet (also auch „leicht verrückt sein“), hiermit gemeint sein kann. Eine der ältesten Phrasen in dieser Hinsicht, „inte ha alla skruvar i behåll“ („nicht alle Schrauben im Besitz haben“), bedeutete dagegen ursprünglich eindeutig dasselbe wie „eine Schraube locker haben“. Die schriftlichen Belege für diese Verwendung reichen laut SAOB bis ins 17. Jahrhundert zurück, wobei „nicht alle Schrauben im Besitz haben“ zum ersten Mal für das Jahr 1848 belegt ist. Die Neubildung von Phrasen nach dem Muster „nicht mehr alle X haben“ ist in Schweden übrigens sehr populär. Es gibt Sammlungen solcher Neubildungen, bei denen dann so Kleinodien nachzulesen sind wie „jemand hat nicht mehr alle Preiselbeeren im Wald“, „alle Hügel in Rom“ oder „alle Jahreszeiten auf der Pizza“.

Das alles ist aber Kinderkram im Vergleich zu den Finnen, die wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben scheinen. Oder, wie man in Finnland vornehmlich sagt: Nicht mehr alle Mumins im Tal („jollakulla ei ole kaikki muumit laaksossa“). Wie im Schwedischen kann die Wendung auf Verrücktheit oder Dummheit abzielen. Sie ist allerdings nur die Spitze des phraseologischen Eisbergs. Die kreative Lust (oder lebensweltliche Notwendigkeit?) der Finnen kennt in dieser Hinsicht so wenige Grenzen, dass 2011 sogar eine Masterarbeit zu Phrasen nach dem Muster „nicht alle X haben“ bzw. „es sind nicht alle X im Y“ veröffentlicht wurde. Der älteste Beleg für diese Phrasen, so die Verfasserin Kristiina Kortelainen, findet sich (wenn ich meinen erbärmlichen Finnischkenntnissen trauen kann) bereits im 17. Jahrhundert. Kortelainen macht die Phrase „jollakulla ei ole kaikki kotona“, „jemand hat (sie) nicht alle zuhause“ als Urmuster der finnischen Metaphernmetzerei à la „nicht alle haben“ aus.

Wo diese Formulierung nun ur-ursprünglich herkommt, weiß ich nicht. Vielleicht winkt hier eine Doktorarbeit in der vergleichenden Sprachwissenschaft, die am besten noch Beispiele aus afrikanischen, asiatischen, amerikanischen und ozeanischen Sprachen hinzuzieht. Für jemanden, der wirklich nicht alle X im Y hat.

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