Interpretation

[Interpretation] Gertrud Kolmar: Legende. Zwischen Mensch und Welt

Legende

Der Mensch fror auf dem Lager. Denn ein Maul,
Ein Widdermaul, das weiß durchs Finstre schien,
Zog seine Decke. Abgehärmter Gaul
Schnob leis am Bett, lag plötzlich auf den Knien,

Und jenes hingeworfne Kissen trug
In seinen Buchten wie vereister See
Ein Entenpaar; aus klaffendem Bezug
Quoll Daune, schwoll in einen Hügel Schnee.

Den kleinen fellgewirkten Teppich riss
Der Wolf, geschunden, häutig, blutendrot,
Aufröchelnd, zuckend mit gefletschtem Biss:
„Dies war mein Kleid! Und darum bin ich tot?“

Der Mensch im Schlafe murrte. Durch den Hauf
Der Tücher floss verloren blauer Schein;
Die seelenleeren Stengel wallten auf
Und wuchsen licht. Er schläft in blühndem Lein.

Ein Strudeln hebt am offnen Fenster sich.
Das Meer, das Meer! Die Zunge leckt und kriecht
Und lässt ein plumpes Tier, das weinerlich
Die Seehundstasche hinterm Schrank beriecht.

Und tiefer strahlt der Lein und tiefer sinkt
Der Träumer ein. Gehöhltes Riesenherz,
Hockt neben ihm ein Berg und greift und trinkt
Das mählich Tropfende, der Bettstatt Erz.

Die Diele drunter wölbt sich abwärts, birst
Zum Baum, der tausendblättrig lebt und lacht.
Die Mauer knirscht. Sie wankt vom Grund zum First
Und rieselt nieder. Einer ist erwacht;

Er findet Dunkel und ihm ist sehr kalt,
Und sein vergangner Tag ward fernes Klirrn. –
Der Mensch stand nackt. Und um ihn stand der Wald
Und über ihm ein schweigendes Gestirn.

Franz Marc: Der Traum (1912)

Auf den ersten Blick scheint der Inhalt dieses Gedichts von Gertrud Kolmar (1894-1943) aus dem Zyklus „Tierträume“  nicht schwer verständlich: In einem Traum reklamiert ‚die Natur’, besonders Tiere, vom Menschen alles, was er sich ungefragt aus ihr geschaffen hat. Am Ende steht er nackt und frierend in einer gleichgültigen Welt. Geschieht ihm recht, könnte man meinen, diesem egozentrischen Raffke. Aber so einfach ist es natürlich nicht.

Oberflächlich reiht sich „Legende“ in jene proto-tierrechtlichen Gedichte ein, die Gertrud Kolmar so interessant für bspw. die ökokritische Literaturwissenschaft machen (sollten!). Das wohl eindrucksvollste Beispiel hierfür ist ihr Gedicht „Der Tag der großen Klage“. Darum soll es aber in dieser Analyse nur zweitrangig gehen. Rekapitulieren wir kurz den Inhalt.

„Der Mensch“ (V. 1), der parsprototale Vertreter der Menschheit, hat einen Traum. Strophe für Strophe erscheinen Repräsentanten der außermenschlichen ‚Natur‘ an seinem Bett (Tiere, Pflanzen und sogar ein Berg) und erinnern ihn daran, dass die Produkte, mit denen er sich umgibt, nicht freiwillig gegeben, sondern geraubt wurden. In der ersten Strophe gemahnen ein Widder und ein „abgehärmter Gaul“ (V. 3) an die Ursprünge der Wolldecke und der Rosshaarmatratze im Bett des Menschen; gleich darauf tut ein „Entenpaar“ (V. 7) dasselbe hinsichtlich der Daunen in seinen Kissen. In Strophe 3 wird der „fellgewirkte Teppich“ (V. 9) wieder zum geifernden Wolf, der einst für dessen Herstellung geschossen wurde. Danach werden die „Lein“stengel (V. 15 f.), die für das Bettzeug („Hauf / der Tücher“, V. 13 f.) verwendet wurden, wieder lebendig und blühen auf. Strophe 5 beschreibt die Heimsuchung des Menschen durch einen Seehund („plumpes Tier“, V. 19), der seine Verarbeitung zu einer Tasche beklagt. Dann geht es an die Fundamente des Betts, wenn das Erz, aus dem es besteht, von einem „Berg“ (V. 23) zurückgefordert wird, ehe die Diele darunter wieder zum „Baum“ (V. 26) birst und der Mensch aus seinem wortwörtlich erschütternden Traum erwacht. Mit diesem Erwachen sieht er bloß noch die Trümmer seiner anthropozentrischen Weltsicht: Er ist allein und „nackt“ (V. 30), anstelle der menschengemachten Stadt findet er sich in einem urtümlichen „Wald“ (V. 31) wieder, er friert und steht ohne ideologische Rüstung schutzlos einem gleichgültigen, kalten und stummen Universum gegenüber („Und über ihm ein schweigendes Gestirn“, V. 32).

Begleitet wird diese Desavouierung der anthropozentrischen Weltsicht von einer Hell-Dunkel-Dichotomie: Das Universum ist finster („durchs Finstre“, V. 2) und dunkel („Er findet Dunkel“, V. 29), die nicht-menschliche Natur aber ist gekennzeichnet durch Licht und Helle („weiß“, V. 2; „Hügel Schnee“, V. 8; „Schein“, V. 14; „licht“, V. 16; „strahlt“, V. 21; „Gestirn“, V. 32). Es scheint, als verbinde die Gemeinschaft der Kreaturen ein inneres Licht, das dem Menschen abgeht oder abhandengekommen ist. Gleichzeitig ist die Welt stumm und kalt: Das ist die Ausgangssituation, in der sich der postparadiesische, (selbst)reflexive Mensch, nicht mehr eingebunden in die „selbstredende“ und damit sich selbst nicht hinterfragende Natur, wiederfindet. Er friert („fror“, V. 1; vgl. auch „vereister See“, V. 6; „Hügel Schnee“, V. 8; „ihm ist sehr kalt“, V. 29) und erkennt die Vergänglichkeit seiner selbst („Und sein vergangner Tag ward fernes Klirrn“, V. 30). Dieses „Klirrn“ kann nicht gelesen werden, ohne das wohl berühmteste „Klirren“ der deutschen Literaturgeschichte mitzulesen: Hölderlins klirrende Fahnen aus „Hälfte des Lebens“. Hier wie dort findet sich der Mensch plötzlich einer stummen („schweigendes Gestirn“, V. 32; bei Hölderlin: „sprachlos und kalt“), kalten, unzugänglichen Natur gegenüber, während er über seine Vergänglichkeit sinniert. Was ist zu tun? Der Titel verrät es: lesen.

„Legende“ bedeutet ursprünglich „die zu lesenden Dinge“ (lat. legenda, Pl. von legendum zu legere, lesen). Besonders wird damit auf mittelalterliche Heiligenlegenden referiert. Der postparadiesische Mensch muss die Welt als „zu Lesendes“, als Schrift, ja als „Heilige Schrift“ begreifen und sie somit anthropomorphisieren, um ihre bedrohliche Gleichgültigkeit und Fremdheit ertragen zu können. Sternbilder sind das paradigmatische Beispiel einer solchen Anthropomorphisierung der Welt. Kathy Zarnegin* (203)  schreibt:

„Was im Himmel geschrieben steht bzw. was in ihm gelesen werden kann, sind Bilder, Sternbilder, die das stumme Schauspiel der griechischen Mythologie für alle Ewigkeiten festhalten. Diese Sagen sind es, die zusammen mit vielen anderen – darunter zahlreichen Tierfabeln – in den Sternbildern dargestellt sind. Die Sternbilder sind also ein Produkt der menschlichen Phantasie; sie sind Ordnungsstifter im überwältigenden Chaos des Nachthimmels.“

Bezeichnenderweise rekurriert das erste Tier, das im Gedicht als Opfer dieser anthropozentrischen Ideologie aufbegehrt, auf eines der berühmtesten tierischen Opfer der jüdisch-christlichen Überlieferung. Es ist explizit der Widder (V. 2; nicht etwa das „Schaf“, das als „Wolllieferant“ naheliegender gewesen wäre). Der Widder ist nicht nur ein Sternbild, sondern auch das Ersatzopfer, das Gott Abraham sendet, damit dieser seinen eigenen Sohn nicht opfern muss (1. Mos 22, 13). Im Anschluss verspricht der HERR: „Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dich segnen und deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; […]“. Die abrahamitischen Religionen, die einen Gott nach dem Bild des Menschen entwerfen (wenngleich sie selbst freilich Schöpfer und Geschöpf vertauschen), verkörpern die anthropozentrische Ideologie par excellence. Die ganze Welt ist für den Menschen geschaffen; er muss sich nur bedienen. In Kolmars Gedicht wird nun die Illusorität dieser Ideologie aufgezeigt. Gerade das „schweigende Gestirn“ kann als höhnische Zurückweisung von anthropozentrischen Sinnstiftungsansprüchen (Sternbilder, Nachkommen wie Sterne am Himmel) gelesen werden.

Und nun? Gibt es hier keine Versöhnung zwischen Mensch und Welt? Bleibt der Mensch frierend und nackt in einem fremden Universum sich selbst überlassen? Nicht ganz. Auch das Gedicht ist schließlich etwas „zu Lesendes“. Die ganze Traumsituation, in der Tiere und Pflanzen und ein Berg sprechen und dem Menschen eine moralische Lektion erteilen, hat etwas Legendenhaftes. Überhaupt lernt die Natur ja erst im Gedicht, d. h. in der Literatur, zu sprechen: Das Gedicht leiht ihr eine Stimme, ihre Klagen gegen die anthropozentrische Ideologie zu verbalisieren. Insofern wendet sich „Legende“ sowohl gegen den Anthropozentrismus als auch gegen den rohen Nihilismus eines kalten, stummen, gleichgültigen Universums. Literatur wird zum Vermittler zwischen grausamer Lüge und grausamer Wahrheit, Fabel und Stummheit, Traum und Wirklichkeit. Die strenge Form der Verse (durchgehend fünfhebiger Jambus und Kreuzreim) zusammen mit der typisch kolmarschen Euphonie (Binnenreime, Alliterationen, Assonanzen, Wiederholungen etc.) installieren eine zweite, künstliche Ordnung, die das Chaos bändigt, ohne es zu verdrängen.


* Kathy Zarnegin. Tierische Träume. Lektüren zu Getrud Kolmars Gedichtband ‚Die Frau und die Tiere‘. Tübingen 1998.

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