Stubben

100122|Irrweg Movierung oder Warum ich nicht gendere

Ich habe vor allem zwei Probleme mit dem Gendern: Erstens hebt es den Sexus und die Geschlechteridentität eines Menschen hervor, wo diese überhaupt keine Rolle spielen. Zweitens speist sich vieles beim Gendern zwar aus guten Intentionen, aber auch aus viel Halbwissen und als Fakt vorgeschützter Ideologie (allen voran die Gleichsetzung von Genus und Sexus, die dann Stilblüten wie „die Gästin“ treibt, aus der man bei aller Konsequenz irgendwann den „Persönerich“ ableiten müsste).

Vor Kurzem habe ich mir ein paar Gedanken zum Gendern notiert. Diese waren ziemlich fragmentarisch und ungeordnet, drückten aber im Tenor obige Vorbehalte aus. Vor Kürzerem bin ich dann auf dieses Video des Youtubers Alicia Joester gestoßen, in dem sie erschreckend genau (bis zum Beispiel mit dem „Persönerich“) die Probleme zusammenfasst, die ich mit dem Gendern hatte und sogar dieselbe Lösung vorschlägt (s. u.); nur viel klarer, fundierter und umfassender. Jeder, der an einer prägnanten, unaufgeregten und intelligenten Kritik des Genderns interessiert ist, sollte sich dieses Video anschauen.

Ein Aspekt, den ich nie auf dem Schirm hatte, ist die exkludierende Wirkung von Gendersprache für Menschen mit Leseproblemen. Gendersprache kann schnell verwirrend und unübersichtlich werden, besonders durch die Doppelnennung von Pronomen und Artikeln. Alicia führt als Beispiel einen Auszug aus der „Geschäftsordnung des Rates der Stadt Neuss“ an, in dem es heißt:

„Zur Vorbereitung ihrer Beratungen können die Fraktionen im Rahmen ihrer Aufgaben von der*vom Bürgermeister*in Auskünfte über die von dieser*diesem oder in ihrem*seinem Auftrag gespeicherten Daten verlangen […]. Das Auskunftsersuchen ist durch die*den Fraktionsvorsitzende*n schriftlich unter wörtlicher Wiedergabe des Fraktionsbeschlusses an die*den Bürgermeisterin*Bürgermeister zu richten.“

Solche Texte stellen für Menschen, die ohnehin Schwierigkeiten mit dem Lesen haben (etwa Migranten, Menschen mit Lese-/Rechtschreibschwäche oder Sehbehinderung; insgesamt etwa 12 % (!) der Erwachsenen) ein unnötiges Hindernis dar (vgl. im Video ab 5:20).

Zweitens ist Genus nicht gleich Sexus. Wörter auf -er etwa (Lehrer, Maler) sind Substantivierungen von Tätigkeiten (lehren, malen), sogenannte Nomina agentis, also Wörter, die Ausführende einer Tätigkeit bezeichnen. Und diese Ausführenden sind nicht Männer, sondern ursprünglich geschlechtsneutral Personen. Dass Wörter auf -er an sich keinen Sexus angeben, sieht man an Wörtern wie „Staubsauger“ oder „Schalter“: Das sind Dinge, die Staub saugen oder schalten. Würde -er immer schon den Sexus angeben, wie das bei Wörtern auf -in der Fall ist, müssten wir uns unter „Staubsauger“ einen Mann vorstellen, der Staub saugt.

In der DDR war es völlig normal, dass Frauen sich als Lehrer und nicht als Lehrerin bezeichnet haben (20:45 ff.). Genauso ist es mit anderen Endungen wie -urg (Chirurg), -loge (Psychologe) oder -ist (Linguist): Sie sind nun mal inhärent generisch (das heißt: von der grammatischen Kategorie Genus her) maskulin, wie Wörter auf -heit oder -ie inhärent generisch feminin sind. Das sagt nichts über den Sexus der Personen aus, die damit beschrieben werden; sonst müsste bspw. „Seine Hoheit Wilhelm II“ eine extrem verwirrende Formulierung sein.

Die Vorstellung, dass Wörter wie „Lehrer“ nur Männer bezeichnen, entstand erst mit der Alternativform -in („Lehrer-in“). Das Anhängen der Endung -in ist eine Movierung, das heißt: eine Ableitung mit dem Zweck, explizit den Sexus des Bezeichneten anzugeben. Um den Unterschied zwischen Genus und Sexus darzustellen, verwendet Alicia ungefähr folgende Tabelle:

GenusSexus
der Menschmaskulinunbestimmt
die Geiselfemininunbestimmt
der Lehrermaskulinunbestimmt
die Lehrer-infemininweiblich
die Gansfemininunbestimmt
der Gäns-erichmaskulinmännlich

Ich habe ihre Tabelle u. a. um „Gans“ und „Gänserich“ ergänzt, um zu zeigen, dass es auch männliche Movierungen gibt, wobei diese zugegebenermaßen viel seltener sind als weibliche.

Der springende Punkt ist nun, dass erst mit der sexusspezifizierenden Endung -in überhaupt der Gedanke aufkam, dass das Wort „Lehrer“ eine weibliche Person nicht darstellen würde. Eine Lehrerin ist schließlich eine weibliche Person, die lehrt; also muss ein Lehrer eine männliche Person sein, die lehrt. Scheinbar gestützt wurde dieser Gedanke durch die ideologische Verquickung von Maskulinum mit Männlichkeit: viele Wörter, die sich auf den männlichen Sexus beziehen, sind schließlich inhärent generisch maskulin (der Mann, Vater, Bruder …), also ist Maskulinum=männlich – „das sieht man ja schon am Namen“. Diese Verbindung ist allerdings konstruiert; wir kämen nie auf den Gedanken, „der Stein“ oder „der Tisch“ männlich zu lesen. Stattdessen sollten wir die kleinen Gruppen an Maskulina bzw. Feminina, die scheinbar konsequent den männlichen bzw. weiblichen Sexus abbilden, als die Ausnahme betrachten, die sie statistisch sind.

Um eine Sprache zu schaffen, die niemanden wegen seiner Geschlechteridentität ausschließt, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man kreiert Wortformen, die explizit jede einzelne Geschlechteridentität abbilden, also eine geschlechterspezifische Sprache. Das ist der Weg der Befürworter des Genderns. Oder man versucht, auf eine geschlechterneutrale Sprache hinzuarbeiten. Das wäre Alicias und meine bevorzugte Methode. Um das zu erreichen, könnte man alle movierten (also sexusspezifischen) Formen aus der Sprache streichen und daran arbeiten, strikt zwischen grammatischem Genus und Sexus zu unterscheiden. Wenn es keine „Lehrerin“ mehr gibt, kann sich „Lehrer“ auch nicht nur auf Männer beziehen. Weibliche Lehrer sind nicht „mitgemeint“, sondern gemeint, genau wie männliche Geiseln nicht „mitgemeint“ sind, wenn man von Geiseln spricht. Wenn es wichtig ist, das Geschlecht zu nennen, sollte stattdessen mit Adjektiven gearbeitet werden: der männliche, weibliche, diverse Lehrer; die männliche, weibliche, diverse Geisel.

Ein weiterer Vorteil wäre, dass nichtbinäre Personen nicht bloß durch einen One-size-fits-all-Marker repräsentiert würden, sondern in der einfachen Wortform bereits inkludiert wären.

Diese Lösung ist keineswegs neu. Bereits in den 80ern schlug bspw. Luise Pusch*, ein Vordenker der Gendersprache, die Abschaffung der movierten Form -in, vor, mit dem Argument, damit würden Frauen als Abweichung von der männlichen Norm gekennzeichnet. Wie man sieht, teile ich weder ihre Begründung (Maskulinum≠männlich) noch ihre Lösung (ein „generisches Femininum“), stehe aber hinter dem Ziel: einer geschlechterneutralen statt einer geschlechterexpliziten Sprache.

Wie Alicia betont und wie man in diesem Artikel lesen kann, wird es eine Umgewöhnungsphase brauchen, damit sich Formulierungen wie „der Youtuber Alicia Joester“ oder „der Vordenker Luise Pusch“ nicht mehr seltsam anhören. Auch männliche Movierungen wie „der Witwer“ müssten in der Konsequenz durch unmovierte Formen wie „die Witwe“ ersetzt werden („Er ist jetzt Witwe.“). Das wird sicher nicht auf Anhieb funktionieren; wahrscheinlich werde ich in der Umgangssprache nie rein unmoviert sprechen.

Aber die Voraussetzungen für diese Form einer geschlechtergerechten Sprache sind wohl ungleich besser als für gegenderte oder völlig künstliche Formen à la „ens Käufens und ens Einkaufskorb“ (3:45). Alicia zeigt bspw., dass die allermeisten von uns bereits das generische Maskulinum in Zusammenhängen wie „Frau Doktor Merkel“ (und nicht: Frau Doktorin Merkel) akzeptieren und gerade Frauen aus älteren Generationen sich durch das generische Maskulinum nie ausgeschlossen gefühlt haben.

Dabei will ich betonen, dass ich niemandem das Gendern verbieten will. Es wird sich zeigen, welche Sprachform sich am Ende durchsetzt und das entscheide nicht ich oder Leute, die gendern, sondern die Majorität der Sprecher. Ich will aber auch betonen, dass nicht zu gendern kein Ausdruck von Borniertheit oder gar Sexismus ist und dass im Gegenteil das Gendern kein Allheilmittel gegen Borniertheit und Sexismus darstellt; dass es in vielen Belangen nicht durchdacht ist und teilweise auf fragwürdigen Annahmen beruht; und dass es in einigen Belangen sogar diskriminierend ist. Gerade in offiziellen Zusammenhängen sollte eine leichte Verständlichkeit Vorrang vor vagen Gleichstellungstheorien genießen. Insgesamt wünsche ich mir, wie die meisten, einen entspannteren und sachlicheren Umgang mit dem Thema „geschlechtergerechte Sprache“. Kritik ist in diesem Sinne immer willkommen.


*Pusch, Luise Frohmut. Das Deutsche als Männersprache: Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Frankfurt am Main 1984.

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